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Sonntag,
der 26. Mai 2002.
Früh schlafen gegangen und die Kohlehydratspeicher am Vorabend
bei der
Kaiserschmarrenparty im Wiener Rathaus noch einmal aufgefüllt,
erwachen wir gegen 6 Uhr ausgeschlafen. Dosiert und rechtzeitig
gefrühstückt, quetschen wir uns mit tausenden anderen
Läufern in die UBahn. Viele "normale" U-Bahn-Fahrer
mit anderen Destinationswünschen werden unfreiwillig im Pulk
aus der U-Bahn und in Richtung Startlinie des 19. Vienna City Marathons
(VCM) vor dem Vienna International Center geschoben.
Vor
dem Start
Es hat ca. 10 Grad, es ist windig. Mit Plaudern, den letzten
Flüssigkeitsaufnahmen und -abgaben, mit Dehnen, Justieren von
Schuhen und Kleidung vergeht Minute um Minute. Ich blicke im Geiste
auf die vergangenen Wochen zurück: mit einem Trainingsplan
(ein Laufpensum von 3-4 Mal die Woche mit je ca. 50 - 60 km, u.a.
im Prater) überwanden meine Frau Karin und ich alle Hürden
konsequent: wechselnde Jahres- und Tageszeiten, verlockende alternative
Abend- und Wochenend- Programme, Wetterschwankungen, den "inneren
Schweinehund",.... Da liegt sie also vor uns: die Königsdisziplin
über 42.195 Meter, die große Unbekannte, durch die letztlich
jeder alleine durch muss! Karin und ich stehen beide in verschiedenen
Startblöcken, wir verabschieden uns daher um 8.45 Uhr voneinander.
Unser Ziel hat keine Zeitangabe, es heißt "Ankommen".
...und
los!
Dann um Punkt 9.00 Uhr der Startschuss. In diversen anderen Startblöcken
stehen an die 8000 weitere Marathonis und etwa 10000 Staffel- bzw.
Einzelläufer über die Frühlingslaufdistanz (15,6
km) noch vor mir. Es geht los! Aber bis ich die in etwa 500 m Entfernung
liegende Startlinie überquere, vergehen noch gute 10 Minuten
- es ist mehr ein eng aneinander gepresstes Massen- Schleichen als
ein Laufen... Das Feld wälzt sich gleich über die Reichsbrücke,
verteilt sich dann rasch. Die Stimmung ist hervorragend. Beim Praterstern
treffe ich dann auch Karin wieder, und wir laufen gemeinsam weiter.
Nur nicht hudeln, und schön auf Haltung, Laufstil und Atmung
konzentrieren, heißt die Devise. Ein Mann tut via Rückenschild
kund, dass dies bereits sein 20. Marathon sei.... Vom Ring biegen
wir im Pulk mit einem eleganten Schlenker zur Wienzeile ab. Es beginnt
stärker zu regnen. Und vor dem Schloss Schönbrunn auch
schon die erste Begegnungsfreude: wir haben entlang der Strecke
Familie,
Freunde und Bekannte zum Anfeuern und Fotografieren postiert - das
motiviert! Hier nehme ich meine ersten Wasserbecher entgegen. Die
äußere Mariahilferstraße bringt den ersten langwierigeren
Anstieg mit sich. Das Wetter hat sich gebessert. Ich genieße
zusehends auch die schöne Architektur Wiens quasi im Vorbeilaufen
bewusst. Und schon laufen wir erstmals am Rathausplatz ein....
Ich
bin weiter optimistisch und das Lächeln fällt leicht.
Nun geht es über
die Liechtensteinstraße bis zur Spittelau, danach laufen wir
über die
Friedensbrücke die Lände am 2. Bezirk entlang in Richtung
Prater - The final countdown!
Halbzeit
Etwa auf Höhe Augartenbrücke ist dann Halbzeit, und wir
sind bereits 2:20 Stunden unterwegs. Mich durchströmt ein Glücksgefühl,
denn ich spüre nun intensiver, dass ich es schaffen werde.
Der Wunsch, laufender- statt
Kriechenderweise erfolgreich die Ziellinie zu überqueren, wandelte
sich in diesem Moment der inneren Euphorie zum Wunsch, eine Zielzeit
von unter 5 Stunden zu realisieren.
Im Überschwang setze ich mich dann auch schon ab. Ich drehe
mich noch ein Mal nach Karin um, aber ich kann mein nun leicht gesteigertes
Tempo nicht mehr zügeln. In der Hauptallee versammeln sich
die meisten Zuseher; und es tut gut, ihre kollektiven Anfeuerungsrufe
zu hören. Zwischendurch gibt´s zur Stärkung Bananen
und isotonische Getränke von den Verpflegungsstationen. Wo
mag Karin wohl jetzt sein? Nach Querung des Wurstelpraters begleitet
mich mein Bruder, der den Frühlingslauf absolviert hat, vom
Ernst- Happel-Stadion an ein Stück des Weges. Das gibt mir
Berge.... - und auch die Sonne ist nun da. Bombenzeit in Sicht
Ein Teil meiner Familie jubelt mir beim Lusthaus zu; eine Zeit unter
4:30
Stunden scheint mir nun in greifbarer Nähe zu sein. Ich frage
mich plötzlich kurzzeitig, was das hier soll, warum ich mir
das antue. Ich bin sicher nicht
der Einzige mit solchen Gedanken zwischendurch. Immer mehr Läufer
hinken oder gehen nur mehr. Noch 8 km. Das harte Pflaster und die
Steigungen verlangen auch mir noch einmal alles ab, die Fußsohlen
brennen wie Feuer, ich spüre einige Zehen kaum mehr, aber es
geht mit jedem Schritt näher zum Ziel. Wir biegen auf die Landstrasse
ein. Da, schon die km 2-Tafel!
Endspurt
Weil ich unterwegs zu viel getrunken habe, muss ich am Ring 1 km
vor dem Ziel noch einmal stehen bleiben, obwohl mir alle abgeraten
haben, während der letzten 10 Laufkilometer stehen zu bleiben.
Aber das Ziel ist ganz nahe, und beim Parlament zündet mein
Turbo: in wahnwitzigem Tempo sprinte ich mit den letzten Reserven
entfesselt in die Rathauszielgerade, nehme die johlenden Massen
gar nicht wahr und überquere die Ziellinie... 4:31 Stunden
- es ist vollbracht, ein Traum! 42.195 Meter liegen hinter mir.
Ich juble und schreie wie verrückt, bin voller Endorphine und
stolz! Die Medaille wird umgehängt, ein "Siegerfoto"
geschossen. In einer Zeit von etwa 5 Stunden kann ich auch Karin
in die Arme schließen...."
Mich zog es vor dem nächsten VCM noch als Zuschauer zum NYC
Marathon. Unglaublich dieser Lauf der Superlative, wenn man die
Teilnehmeranzahl heranzieht. Aber die Ziellinie und der Stil sind
in Wien um einiges bombastischer als in New York.
(25.05.2003 /Anmelden unter: www.vienna-marathon.com)
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