Sülzes Marathonstar sagt: "New York hat mich amerikanisiert!"
Die "Staats" veröffentlicht das Tagebuch des Jörg Grünhagen, der am 1. November seinen dritten NYC-Marathon läuft
New Yorker Staats-Zeitung, 31. Oktober 1998

Am Wochenende gehört die City wieder den Marathonläufern. 30000 Läuferinnen und Läufer aus aller Welt werden am frühen Morgen im Norden Manhattans an den Start gehen - darunter auch ein paar hundert Deutsche. Einer von ihnen ist Jörg Grünhagen, den wir ihnen schon in der letzten Ausgabe der "Staats" vorgestellt haben. Unter dem Motto "Alles ist möglich" hat sich der 29 jährige vor zwei Jahren ins Langstreckentraining gestürtzt und ist binnen kurzer Zeit zu einem erfolgreichen Läufer geworden, der am 1. November zum dritten Mal den berühmtesten Marathon der Welt bestreiten will. Insgesamt ist es sein sechzehnter Lauf über 42,195 Kilometer. Grünhagen, der aus Sülze bei Celle kommt, nimmt die Städte, in denen er läuft, allerdings nicht nur aus seiner Sicht als Läufer und quasi im Vorbeirennen wahr, sondern er macht auch sehr persönliche Beobachtungen, die er in Tagebüchern veröffentlicht. Wir drucken einige Passagen seiner New Yorker Auszeichnungen. "Montag, 16. Februar 1998: New York City. Endlich bin ich wieder in der Stadt, in der ich mich wohler fühle als an jedem anderen Platz auf dieser Welt! Obwohl ich mich hier inzwischen zu Hause fühle, ist es doch jedesmal wieder etwas Besonderes nach New York zu kommen. Mir kommt es vor, als ob mein Körper, von einer Sekunde auf die andere wieder mit Energie aufgeladen wird. Vor neun Jahren bei meinem ersten Besuch sah es noch anders aus. Rückblende: Irgendwann im Herbst 1988 fragte mich mein Vater einmal, ob ich denn wüßte, daß ich eine Tante in New York hätte. Bis dahin verlief mein Leben mehr oder weniger normal. Bis zur zehnten Klasse bin ich auf ein Gymnasium gegangen, habe mich mehr schlecht als recht durchgehangelt und schließlich mit dem Realschulabschluß abgeschlossen. Es folgte eine dreijährige Berufsausbildung zum Offset Drucker, die ich ebenfalls abschloß. Anschließend wurde ich von meinem Arbeitgeber, der "Celleschen Zeitung" als Drucker übernommen. Mein Leben war nichts besonderes, eines von vielen, wie es jeder von uns kennt. Es gab genug zu feiern, genug Glücksmomente und genug Probleme. Normales Leben halt. Doch dann veränderte sich mein gesamtes zukünftiges Leben mit einem Brief. New York! Allein schon dieser Name übt eine riesige Faszination aus. Well, ich schrieb meiner Tante. Ich hatte ja nichts zu verlieren. Kurze Zeit später erhielt ich zu meiner Überraschung eine Einladung sie und ihre Familie für vier Wochen zu besuchen. So eine Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen. Es war mein erster Flug überhaupt. Am JFK Flughafen von New York wurde ich von meiner Tante Lilli Landstrom und ihrem Mann Sven abgeholt. Ich kannst sie nur von zwei Briefen und einem Foto. Aber sie nahmen mich sofort freundlich auf. Sie fuhren mit mir nach meiner Ankunft noch durch Manhattan. Vor lauter Staunen kam ich fast nicht mehr zum Luftholen. Als wir dann endlich in Staten Island ankamen, wo sie damals wohnten war ich todmüde. Die Nacht zuvor hatte ich kaum geschlafen und die Zeitumstellung zehrte auch an mir. Den nächsten Morgen werde ich nie vergessen! Gegen neun Uhr stand ich auf. Zu dieser Zeit waren Lilli und Sven schon bei ihrer Arbeit und ich hatte das Haus für mich allein. Auf dem Tisch fand ich einen Zettel auf dem folgendes stand: "Guten Morgen Jörg. Gestern warst Du noch unser Gast, aber ab heute bist Du ein Teil der Familie, also nimm Dir was Du brauchst und hilf Dir selbst. Gruß Lilli!" Darunter war noch aufgezeichnet wo der nächste Supermarkt zu finden war. Ich fand´s klasse. Ein absoluter Vertrauensbeweis, obwohl sie mich kaum kannten. Nach und nach lernte ich ihre vier Söhne Al, Mark, Paul und Scott sowie ihre Tochter Linda kennen. Sie gaben mir niemals das Gefühl ein Außenseiter zu sein. Mit der Zeit sah ich sie immer mehr als meine Familie an. Jetzt hatte ich also zwei. Eine in den USA und eine in Deutschland. Mit den Jahren verbrachte ich immer mehr Zeit in New York. Meine Englischkenntnisse verbesserten sich stetig. Es hielt mich nicht mehr viel in Deutschland in meinen Urlauben.

Jörg Grünhagen
Den New York-Marathon am
Sonntag will der 29jährige
Jörg Grünhagen in zwei
Stunden und fünfundvierzig
Minuten laufen.
Nach zwei, drei Jahren war mir auch die Stadt New York mit ihren fünf Stadtteilen Manhatten, Queens, Bronx, Brooklyn und Staten Island selbstverständlich geworden. Ein Problem hatte ich lediglich dann, wenn ich nach Deutschland zurückmußte, denn da war Alltag angesagt. Mit den Jahren reichte mir auch New York nicht mehr. Meine Reiselust war geweckt. Urlaube in der Karibik, ein Fallschirmspringerkurs in Kalifornien, ein einmonatiger Collegebesuch auf dem Wagner College in Staten Island, mit 80 Studenten aus 40 Ländern, ein Superbowltrip nach Atlanta, Hochzeitseinladungen in New York und Savannah/Georgia und viele weitere Dinge folgten. In der Zwischenzeit wurde ich auch mehr oder weniger "amerikanisiert"! Der amerikanische Sport, hauptsächlich Power-Sportarten wie Eishockey, Basketball und Football, fanden immer mehr mein Interesse, wobei mich Soccer schon bald kaum noch interessierte. Anfang ´96 kam mir der Gedanke, dass ich mal wieder was Neues ausprobieren könnte. Den New York City Marathon. Im Mai ging das Training los und im November war es dann soweit. Durch das Laufen eröffneten sich mir auf einmal völlig neue Perspektiven. Laufen ist international. In jedem Land sind Menschen mit dem gleichen Background zu finden. Praktisch eine neue "Familie"! Es folgte eine Weltreise und schließlich der Entschluß eine eigene Reiseagentur zu gründen. Zwischendurch sorgte ich auch noch dafür, daß die "Celle Fun-Runners" beim NYC Marathon ´97 das Licht der Welt erblickten. Mit dem Internet hatte ich auch endlich ein Medium gefunden, das es mir ermöglichte weltweit zu operieren. Jeden Tag kann ich New Yorker Tageszeitungen lesen, kann weltweit mit Freunden und Bekannten in Kontakt treten und vor allem neue Kontakte aufbauen. Dies hatte meine komplette Welt verändert, auf einmal galt nur noch eins: Alles ist möglich! Gegenwart - Am Samstag holte mich mein Cousin Mark gemeinsam mit seiner Frau Jan und ihren Kindern Amanda und Daniel vom JFK Airport ab. Die Kids sind 4 und 1 1/2 Jahre alt. Amanda ist meine absolute Prinzessin. Daniel hat im Moment noch das Problem, daß er auf tausend Sachen zeigen will, ihm aber leider die Worte fehlen. Ich mag beide unheimlich gern. Ist jedesmal lustig mit ihnen. Von Amanda erhielt ich dieses Jahr sogar eine Valentine´s Card. Hat mich sehr gefreut. Wir fuhren anschließend zu Jans Vater nach New Jersey, da er eine eigene Reiseagentur in New York besitzt und ich hier ebenfalls einen Partner benötige. Ed und Carol haben ein klasse Apartment direkt am Hudson River. Der Ausblick auf das hell erleuchtete Manhattan mit seinen Wolkenkratzern ist atemberaubend. Ich liebe diesen Anblick. Ich kann mir einfach kein Leben mehr ohne diese aufregende Stadt vorstellen. Die Menschen hier sind aktiv, voller Lebensenergie und Ideenreichtum, sie denken, handeln und bewegen sich schneller als anderswo auf der Welt. Jeder Tag zählt hier. Jeder Tag bietet neue Chancen und es finden sich immer jemand, der sie erkennt und wahrnimmt. Abends kehrten wir nach Long Island zu Mark und Jans Haus zurück. Sonntagmorgen trainierte ich erstmal wieder 90 Minuten, erledigte ein wenig Schreibarbeit und dann traf auch schon mein Cousin Al mit seiner Tochter Megan ein. Megan ist in Amandas Alter und ebenfalls sehr aktiv und sympathisch. Wir "Erwachsenen" (ich zähl mich einfach mal dazu) hatten uns seit drei Monaten nicht mehr gesehen und darum viel zu erzählen. Nach und nach übernahmen dann jedoch die Kids das Zepter und es war vorbei mit der Ruhe. Abends sah ich mir noch "Titanic" im Kino an. Sehr guter Film. Besodners Jack Dawsons Einstellung, daß jeder Tag zählt, hat mir sehr gut gefallen. Nachmittags fuhr ich dann mit der Long Island Railroad nach Manhattan hinein, nahm dort die Subway zur 86th Street und traf mich schließlich mit Susan vom New York City Marathon Organisationsteam. Sie ist selbst Läuferin und unheimlich freundlich. Sie braucht immer wieder Abwechslung, weil das Leben zu langweilig wird, wenn es in Gewohnheit mündet. Darum sucht sie sich alle paar Jahre einen neuen Job. Seit Herbst hat sie ihren jetzigen. Er gefällt ihr sehr gut, da er mit ihrem Hobby Laufen zu tun hat. Daß ich sie per Internet kennenlernte versteht sich von selbst. Wir trafen uns deshalb, weil wir etwas neues aufbauen wollen. New York hat viel mehr zu bieten, als nur den Marathon. Es gibt in jedem der fünf Boroughs (Stadtteile) eigene, kleinere Events. Zu diesen 5 km, 10 km und Halbmarathonläufen möchte ich Fun-Runners Reisen anbieten, in Verbindung mit einem touristischen Programm und gemeinsamen Training mit Läufern aus New York. Schon wieder Mitternacht. Ich hör´ jetzt lieber auf, da ich um sechs Uhr schon wieder wegen des Trainings aufstehen muß. Danach geht es in die Stadt. Lohnt sich. Gute Nacht! Infos im Internet: www.funrunners.de