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Am
Wochenende gehört die City wieder den Marathonläufern. 30000 Läuferinnen
und Läufer aus aller Welt werden am frühen Morgen im Norden Manhattans
an den Start gehen - darunter auch ein paar hundert Deutsche. Einer
von ihnen ist Jörg Grünhagen, den wir ihnen schon in der letzten
Ausgabe der "Staats" vorgestellt haben. Unter dem Motto "Alles ist
möglich" hat sich der 29 jährige vor zwei Jahren ins Langstreckentraining
gestürtzt und ist binnen kurzer Zeit zu einem erfolgreichen Läufer
geworden, der am 1. November zum dritten Mal den berühmtesten Marathon
der Welt bestreiten will. Insgesamt ist es sein sechzehnter Lauf
über 42,195 Kilometer. Grünhagen, der aus Sülze bei Celle kommt,
nimmt die Städte, in denen er läuft, allerdings nicht nur aus seiner
Sicht als Läufer und quasi im Vorbeirennen wahr, sondern er macht
auch sehr persönliche Beobachtungen, die er in Tagebüchern veröffentlicht.
Wir drucken einige Passagen seiner New Yorker Auszeichnungen.
"Montag,
16. Februar 1998: New York City. Endlich bin ich wieder in der Stadt,
in der ich mich wohler fühle als an jedem anderen Platz auf dieser
Welt! Obwohl ich mich hier inzwischen zu Hause fühle, ist es doch
jedesmal wieder etwas Besonderes nach New York zu kommen. Mir kommt
es vor, als ob mein Körper, von einer Sekunde auf die andere wieder
mit Energie aufgeladen wird. Vor neun Jahren bei meinem ersten Besuch
sah es noch anders aus. Rückblende: Irgendwann im Herbst 1988 fragte
mich mein Vater einmal, ob ich denn wüßte, daß ich eine Tante in
New York hätte. Bis dahin verlief mein Leben mehr oder weniger normal.
Bis zur zehnten Klasse bin ich auf ein Gymnasium gegangen, habe
mich mehr schlecht als recht durchgehangelt und schließlich mit
dem Realschulabschluß abgeschlossen. Es
folgte eine dreijährige Berufsausbildung zum Offset Drucker, die
ich ebenfalls abschloß. Anschließend wurde ich von meinem Arbeitgeber,
der "Celleschen Zeitung" als Drucker übernommen. Mein Leben war
nichts besonderes, eines von vielen, wie es jeder von uns kennt.
Es gab genug zu feiern, genug Glücksmomente und genug Probleme.
Normales Leben halt. Doch dann veränderte sich mein gesamtes zukünftiges
Leben mit einem Brief. New York! Allein schon dieser Name übt eine
riesige Faszination aus. Well, ich schrieb meiner Tante. Ich hatte
ja nichts zu verlieren. Kurze Zeit später erhielt ich zu meiner
Überraschung eine Einladung sie und ihre Familie für vier Wochen
zu besuchen. So eine Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen.
Es war mein erster Flug überhaupt. Am JFK Flughafen von New York
wurde ich von meiner Tante Lilli Landstrom und ihrem Mann Sven abgeholt.
Ich kannst sie nur von zwei Briefen und einem Foto. Aber sie nahmen
mich sofort freundlich auf. Sie fuhren mit mir nach meiner Ankunft
noch durch Manhattan. Vor lauter Staunen kam ich fast nicht mehr
zum Luftholen. Als wir dann endlich in Staten Island ankamen, wo
sie damals wohnten war ich todmüde. Die Nacht zuvor hatte ich kaum
geschlafen und die Zeitumstellung zehrte auch an mir. Den nächsten
Morgen werde ich nie vergessen! Gegen neun Uhr stand ich auf. Zu
dieser Zeit waren Lilli und Sven schon bei ihrer Arbeit und ich
hatte das Haus für mich allein. Auf dem Tisch fand ich einen Zettel
auf dem folgendes stand: "Guten Morgen Jörg. Gestern warst Du noch
unser Gast, aber ab heute bist Du ein Teil der Familie, also nimm
Dir was Du brauchst und hilf Dir selbst. Gruß Lilli!" Darunter war
noch aufgezeichnet wo der nächste Supermarkt zu finden war. Ich
fand´s klasse. Ein absoluter Vertrauensbeweis, obwohl sie mich kaum
kannten. Nach und nach lernte ich ihre vier Söhne Al, Mark, Paul
und Scott sowie ihre Tochter Linda kennen. Sie gaben mir niemals
das Gefühl ein Außenseiter zu sein. Mit der Zeit sah ich sie immer
mehr als meine Familie an. Jetzt hatte ich also zwei. Eine in den
USA und eine in Deutschland. Mit den Jahren verbrachte ich immer
mehr Zeit in New York. Meine Englischkenntnisse verbesserten sich
stetig. Es hielt mich nicht mehr viel in Deutschland in meinen Urlauben.
Den New York-Marathon am
Sonntag will der 29jährige
Jörg Grünhagen in zwei
Stunden und fünfundvierzig
Minuten laufen. |
Nach
zwei, drei Jahren war mir auch die Stadt New York mit ihren fünf Stadtteilen
Manhatten, Queens, Bronx, Brooklyn und Staten Island selbstverständlich
geworden. Ein Problem hatte ich lediglich dann, wenn ich nach Deutschland
zurückmußte, denn da war Alltag angesagt. Mit den Jahren reichte mir
auch New York nicht mehr. Meine Reiselust war geweckt. Urlaube in
der Karibik, ein Fallschirmspringerkurs in Kalifornien, ein einmonatiger
Collegebesuch auf dem Wagner College in Staten Island, mit 80 Studenten
aus 40 Ländern, ein Superbowltrip nach Atlanta, Hochzeitseinladungen
in New York und Savannah/Georgia und viele weitere Dinge folgten.
In der Zwischenzeit wurde ich auch mehr oder weniger "amerikanisiert"!
Der amerikanische Sport, hauptsächlich Power-Sportarten wie Eishockey,
Basketball und Football, fanden immer mehr mein Interesse, wobei mich
Soccer schon bald kaum noch interessierte. Anfang ´96 kam mir der
Gedanke, dass ich mal wieder was Neues ausprobieren könnte. Den New
York City Marathon. Im Mai ging das Training los und im November war
es dann soweit. Durch das Laufen eröffneten sich mir auf einmal völlig
neue Perspektiven. Laufen ist international. In jedem Land sind Menschen
mit dem gleichen Background zu finden. Praktisch eine neue "Familie"!
Es folgte eine Weltreise und schließlich der Entschluß eine eigene
Reiseagentur zu gründen. Zwischendurch sorgte ich auch noch dafür,
daß die "Celle Fun-Runners" beim NYC Marathon ´97 das Licht der Welt
erblickten. Mit dem Internet hatte ich auch endlich ein Medium gefunden,
das es mir ermöglichte weltweit zu operieren. Jeden Tag kann ich New
Yorker Tageszeitungen lesen, kann weltweit mit Freunden und Bekannten
in Kontakt treten und vor allem neue Kontakte aufbauen. Dies hatte
meine komplette Welt verändert, auf einmal galt nur noch eins: Alles
ist möglich! Gegenwart - Am Samstag holte mich mein Cousin Mark gemeinsam
mit seiner Frau Jan und ihren Kindern Amanda und Daniel vom JFK Airport
ab. Die
Kids sind 4 und 1 1/2 Jahre alt. Amanda ist meine absolute Prinzessin.
Daniel hat im Moment noch das Problem, daß er auf tausend Sachen zeigen
will, ihm aber leider die Worte fehlen. Ich mag beide unheimlich gern.
Ist jedesmal lustig mit ihnen. Von Amanda erhielt ich dieses Jahr
sogar eine Valentine´s Card. Hat mich sehr gefreut. Wir fuhren anschließend
zu Jans Vater nach New Jersey, da er eine eigene Reiseagentur in New
York besitzt und ich hier ebenfalls einen Partner benötige. Ed und
Carol haben ein klasse Apartment direkt am Hudson River. Der Ausblick
auf das hell erleuchtete Manhattan mit seinen Wolkenkratzern ist atemberaubend.
Ich liebe diesen Anblick. Ich kann mir einfach kein Leben mehr ohne
diese aufregende Stadt vorstellen. Die Menschen hier sind aktiv, voller
Lebensenergie und Ideenreichtum, sie denken, handeln und bewegen sich
schneller als anderswo auf der Welt. Jeder Tag zählt hier. Jeder Tag
bietet neue Chancen und es finden sich immer jemand, der sie erkennt
und wahrnimmt. Abends kehrten wir nach Long Island zu Mark und Jans
Haus zurück. Sonntagmorgen trainierte ich erstmal wieder 90 Minuten,
erledigte ein wenig Schreibarbeit und dann traf auch schon mein Cousin
Al mit seiner Tochter Megan ein. Megan ist in Amandas Alter und ebenfalls
sehr aktiv und sympathisch. Wir "Erwachsenen" (ich zähl mich einfach
mal dazu) hatten uns seit drei Monaten nicht mehr gesehen und darum
viel zu erzählen. Nach und nach übernahmen dann jedoch die Kids das
Zepter und es war vorbei mit der Ruhe. Abends sah ich mir noch "Titanic"
im Kino an. Sehr guter Film. Besodners Jack Dawsons Einstellung, daß
jeder Tag zählt, hat mir sehr gut gefallen. Nachmittags fuhr ich dann
mit der Long Island Railroad nach Manhattan hinein, nahm dort die
Subway zur 86th Street und traf mich schließlich mit Susan vom New
York City Marathon Organisationsteam. Sie ist selbst Läuferin und
unheimlich freundlich. Sie braucht immer wieder Abwechslung, weil
das Leben zu langweilig wird, wenn es in Gewohnheit mündet. Darum
sucht sie sich alle paar Jahre einen neuen Job. Seit Herbst hat sie
ihren jetzigen. Er gefällt ihr sehr gut, da er mit ihrem Hobby Laufen
zu tun hat. Daß ich sie per Internet kennenlernte versteht sich von
selbst. Wir trafen uns deshalb, weil wir etwas neues aufbauen wollen.
New York hat viel mehr zu bieten, als nur den Marathon. Es gibt in
jedem der fünf Boroughs (Stadtteile) eigene, kleinere Events. Zu diesen
5 km, 10 km und Halbmarathonläufen möchte ich Fun-Runners Reisen anbieten,
in Verbindung mit einem touristischen Programm und gemeinsamen Training
mit Läufern aus New York. Schon wieder Mitternacht. Ich hör´ jetzt
lieber auf, da ich um sechs Uhr schon wieder wegen des Trainings aufstehen
muß. Danach geht es in die Stadt. Lohnt sich. Gute Nacht! Infos im
Internet: www.funrunners.de |