Eugen-Naumann-Schule in Bergen veranstaltet mit 193 Schülern Projekttage zum Thema "Drogen und Gewalt"
Marathonläufer Jörg Grünhagen: "Sport kann nur machen, wer den Kopf frei von Drogen hat"

Von Mirja Pflug

BERGEN. Im Klassenzimmer ist es schummrig. Monique zaubert eine kleine rote Lichtkugel hinter ihrem linken Ohr hervor und läßt sie mit einer Hand vor ihrem Gesicht hin- und herwandern. Dann pustet die 16jährige das Lichtlein aus, um es im nächsten Moment wieder aufleuchten zu lassen. Plötzlich ist der Zauber vorbei. Monique lacht - der Trick ist gelungen, ihre Zuschauer sind verblüfft.
Die Schülerin blickt zu ihrem Zauberlehrer. Jörg Grünhagen ist begeistert: "Das kann sie schon besser als ich", lobt der 28jährige. Kein Wunder, Jörg ist nämlich gar kein Zauberer, sondern ein Marathonläufer. Seine Sportbegeisterung verschlägt ihn auf alle Kontinente. Ob New York, Sydney oder Honolulu - Jörg ist nahezu überall schon gelaufen. Seit Dienstag ist der Sportfanatiker aktiver Gast in der Eugen-Naumann-Schule in Bergen. Dort wechseln derzeit Projekttage zum Thema "Drogen und Gewalt" den Schulalltag ab.
"Sport kann nur machen, wer den Kopf frei von Drogen hat", erklärt Grünhagen die Verbindung zwischen Projektthema und Marathonlaufen. "Und zaubern eben auch", ergänzt er. Warum sie keine Drogen nehmen sollen, will er den Jugendlichen in den vier Projekttagen vermitteln. Entscheidend für den Prozeß dieser Erkenntnis sei es, daß den Teilnehmern die Perspektivlosigkeit genommen werde. "Mein Ziel ist es, daß die Schüler Selbständigkeit lernen und Selbstbewußtsein zeigen." Dann falle es ihnen auch nicht schwer, "nein" zu sagen.
"Alles ist möglich" - mit seiner Lebensphilosophie möchte Grünhagen seine Schützlinge aus ihrer Null-Bock-Phase reißen. "Ich will sie motivieren ihre Träume zu verwirklichen", bekräftigt der Sportler. Jeder Gedanke sei wertvoll: "Ich nehme es den Kindern nicht übel, wenn etwas schiefgeht. Enttäuscht bin ich, wenn sie Ideen haben, die sie nicht verwirklichen", sagt Grünhagen. Wer Individualität und Engagement fördern wolle, dürfe nicht mit erhobenen Zeigefinger dastehen. Kein Tadeln und kein Mäkeln an ihren Arbeiten - das schätzen die Schüler an ihm.
Projektgruppe Anti-Drogen
Eine der 14 Projektgruppen plant eine Anti-Drogen-Aus-
stellung. Sportler Jörg Grünhagen und Lehrerin Annette
Höper helfen mit.
Klassenzimmer-Renovierung
Gemeinsam Schaffen macht stark: Schüler der Eu-
gen-Naumann-Schule renovieren ein Klassenzimmer.
Der Sportler leitet eins von 14 weiteren Projekten zum Thema "Drogen und Gewalt"", an dem sich 193 Hauptschüler beteiligen. Nebenan sitzt zum Beispiel Lehrerin Annette Höper mit einigen Mädchen. Um die Gruppe türmen sich Zeitungsschnipsel, Fotografien und Pappe. Es riecht nach Klebstoff. Die Schüler basteln Plakate für eine Ausstellung. Eines ziert der Spruch: Der Filter schützt sie nicht vor dem Gift - das Schlechte kommt überall hin.
Zwei Räume weiter hängt der strenge Geruch von Farbe in der Luft. Das Klassenzimmer ist mit Zeitungspapier ausgelegt, die Tafel, Fenster- und Türrahmen sind mit Folie abgeklebt. Mittendrin wirbeln eifrige Schüler. Ihre Kleidung zieren weiße Farbspritzer, die Hände tauchen unermüdlich Pinsel in den Eimer. "Vorher war Graffiti an den Wänden, das hat uns nicht gefallen", sagt Michael. Jetzt tüncht er mit seinen Klassenkameraden die Wände weiß. "Und die Fußleisten streichen wir in gelb und schwarz", fügt der 13jährige hinzu. Gemeinsam Schaffen macht stark.
Die Blicke von Nina und Björn, 13 und 15 Jahre alt, sind auf einem Computerbildschirm geheftet. Sie entwerfen ein Werbeplakat und Handzettel für den Höhepunkt der Projekttage: Morgen stellen alle Schüler ihre Arbeiten vor. Zudem werden Vertreter vom Jugendamt, von Beratungsstellen, von Jugendzentren und von der Polizei Frage und Antwort zur Problematik stehen. Auch ein ehemaliger Alkoholiker wird über seine Erfahrungen berichten.
Fotos: Müller

26. Februar 1998, Cellesche Zeitung