New York Marathon / Der Sülzer Jörg Grünhagen war dabei und schildert seine Eindrücke
"Wir brauchten die Zuschauer, um die Krise nach der Brücke zu überwinden"

Neben Jörg Grünhagen nahmen Jürgen Rentsch, Ulrich Marhenke und Schulze aus dem Landkreis Celle am 27. New York Marathon teil. Grünhagens heutiger Abschlußbericht schildert zunächst den Tag vor dem großen Lauf und schließlich das Massen-Ereignis selbst.

Manhattan - Heute gab es einen kleinen Vorgeschmack darauf, was die Läufer am Sonntag erwartet. Um 7.10 Uhr trafen sich alle Läufer unserer Reisegruppe, die im "New Yorker Hotel" (8th Ave., 34th Street, gegenüber dem Madison Square Garden) untergebracht sind. Darunter auch mein Hotelzimmermitbewohner Martin Saes, 32 Jahre, aus Köln und ich.
Das schöne an solchen Massenveranstaltungen wie dem NYC Marathon ist, daß man ständig neue Leute kennenlernt. Mit Martin verstand ich mich auf Anhieb prächtig, und so machten wir uns mit dem Rest der Gruppe auf den Weg zum "UN Building", um dort am 6 Kilometer langen "UN-Friendship-Run" teilzunehmen.
Die Stimmung war locker und gelöst bei den circa 7000 Teilnehmern. Besonders fielen die Franzosen unter den teils bunt kostümierten Läufern aus allen Ländern der Welt auf.
Zum ersten, da sie schon fast traditionell das größte Kontigent der ausländischen Teilnehmer stellen und dies auch durch gemeinsames Auftreten in einheitlicher Kleidung darstellen, zum zweiten durch ihre Fröhlichkeit. Einige hübsche Französinnen zum Beispiel "überfielen" kurzerhand einen amerikanischen Cop in seinem Streifenwagen und "zwangen" ihn zum Fototermin. Natürlich machte er nur zu gerne mit, da sie auch noch ihre Oberteile auszogen und lediglich ihre BH´s anbehielten.
Der Lauf an sich entlang der 42nd Street und durch den Central Park wurde sehr locker genommen. Viele nutzten die Chance zu einer Kontaktaufnahme mit Läufern aus verschiedenen Ländern.
Im Ziel gab es ein kleines Frühstück und anschließend ging es zurück in die Hotels, um sich für den morgigen Marathon zu schonen oder noch was in der City zu unternehmen.
Abends gab es die traditionelle Pasta-Party. Es ist faszinierend zu sehen, wie verhältnismäßig reibungslos hier alles abläuft bei diesem Massenansturm. Selbstverständlich waren auch wieder mehrere TV-Stationen vertreten. Doch man hat sich schon an dem weltweiten Medieninteresse gewöhnt und gibt bereitwillig Auskunft bei jeglicher Art von Fragen, zum Beispiel zum Herkunftsland.
Sonntag, 3. November. New York City. - 6 Uhr. Der Wecker klingelt. Das Abenteuer beginnt. Duschen, die letzten Eiweißgetränke fertigmachen, die Startnummer an die Sportkleidung anbringen und all die anderen kleinen Dinge, die noch zu erledigen sind.
Um 7.30 Uhr fahren die Busse in den Startbereich ab. Die Fahrt dauert etwa 45 Minuten bis wir Staten Island erreichen. Bei der Ankunft kommen wir in den Genuß des Organisationstalents des New York Road Runner Clubs.
Wir werden sofort von einigen Helfern empfangen, welche uns in die verschiedenen Linien zur Registrierung führen. Nach zehn Minuten sind alle Formalitäten erledigt. Es ist bitterkalt. 2 Grad Celsius, aber zum Glück sonnig.
Gegen 10.20 Uhr machen sich die Läufer aus über 110 Ländern auf dem Weg zu ihrer Startposition. Um der gewaltigen Masse von über 30 000 Läufern Herr zu werden, sind drei verschiedene Startreihen eingeplant worden.
Je nach Startnummer muß man sich zum roten, grünen oder blauen Ausgang begeben. Trotzdem sind pro Reihe auf jeder der vierspurigen Straßen der "Verrazano Bridge" immer noch über 10 000 Starter. Kurz vor dem Start wurde noch die amerikanische Nationalhymne abgespielt, bevor mit einem Kanonenschuß der Marathon eröffnet wurde.
Natürlich braucht es einige Zeit, bis sich die Massen in Bewegung setzen. In meinem Fall dauerte es 4 ½ Minuten, bis ich endlich die offizielle Startlinie erreichte.
Verlorene Zeit, da die offizielle Zeit ab dem Startschuß für alle Teilnehmer genommen wird. Jede der 26,2 Meilen wird einzeln angezeigt mit der dazugehörigen Zeit (bei Kilometern nur jeder 5. der 42,195 km).
Nachdem wir die Verrazano Bridge überquert haben und in Brooklyn angekommen sind, trifft meine rote Startlinie mit der grünen zusammen. Da dies aber nach zwei Meilen passiert und sich die Reihen schon weit auseinander gezogenhaben, sowie die Straßen breit genug sind, klappt es ohne Probleme.
In Brooklyn sind auch endlich Zuschauer an der Strecke, die fanatisch jeden Läufer anfeuern. Besondere Erwähnung verdienen die unzählbaren freiwilligen Helfer.
Sie sind wahre Engel. Bei jeder Meile haben sie stets Wasser oder Mineral-Getränke vorrätig, was für uns Läufer sehr wichtig ist, damit wir ständig den Flüssigkeitsverlust ausgleichen können.
Startaufstellung auf der Verrazano-Brücke (NYC-Marathon 1996)
Ein imposantes Bild bietet die Startaufstellung von 30 000 Marathonläufern auf der "Verrazano-Brücke" in New York. - Foto: dpa
Des weiteren haben auch viele Zuschauer immer mal wieder Kleinigkeiten für uns, zum Beispiel Orangen und Bananen.
Es ist wahnsinnig aufregend den NYC Marathon mitzulaufen. Zunächst einmal, da man weiß, das dies der weltweit größte und durch die Streckenführung auch einer der schwersten ist, weil man weiß, daß er weltweit im Fernsehen übertragen wird und dann ganz einfach durch die vielen unterschiedlichen Viertel, durch die der Marathon führt. In Williamsburg/Brooklyn, hatte ich das Gefühl, mich auf einer Samba-Party oder in einer Disco zu befinden, so ging das Publikum mit, einige Meilen jedoch im jüdischen Viertel war es fast totenstill, und wir wurden nur ungläubig bestaunt.
Alles in allem muß ich aber die Zuschauer loben. Sie unterstützten uns fantastisch, seien es verschiedene Bands an den Straßen, Menschen, die uns einfach mal die Hand am Streckenrand abklatschten, oder die unermüdlichen Anfeuerungen und Zurufe, die einem auch dann noch bestätigten: "You are looking good, you are doing a great job", wenn man sich innerlich tot fühlte und sicher auch so aussah.
Einer der schwersten Punkte für mich wie auch für viele andere Läufer war der Teilabschnitt über die Queensboro Bridge zwischen Meile 15 und 16. Deshalb so schwer, da es hier noch einmal einen größeren Anstieg zu meistern galt und zwar ohne Zuschauerunterstützung. Eine große Zahl der Teilnehmer mußte hier ihrem zu schnellen Anfangstempo Tribut zollen und konnte die Brücke nur noch gehend überwinden.
Hier fühlte man sich nur noch einsam, von aller Welt verlassen und mußte um jeden Meter kämpfen. Am Ende der Brücke sah es genauso aus. Doch es täuschte. Die Strecke führte mit einem 150-Grad-Winkel weiter und an dieser Kurve empfing uns die bis dahin größte Zuschauermenge.
Es war ein perfektes Zusammenspiel zwischen Läufer und Zuschauer. Wir brauchten jetzt die Zuschauer, um die Krise zu überwinden, und sie waren zu Tausenden für uns da. Es war einer der zwei Momente, die ich wohl mein Leben lang nicht vergessen werde.
Besonders hervorheben muß ich auch noch die vielen gehandikapten Athleten, wie z.B. die Rollstuhlfahrer, blinden Läufer, einbeinige Läufer, die mit einer Prothese starteten, die vielen Starter mit 60 oder mehr Lebensjahren, sie alle bewiesen, daß man im Leben alles erreichen kann solange man nur an seine Ziele und Träume glaubt.
Doch zurück zum Lauf und den für mich zweiten unvergeßlichen Moment. Es waren die letzten drei Meilen im Central Park. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich 37 km hinter mir und den Eindruck, daß nichts mehr geht und ich doch nicht mehr die vier Stunden erreichen könnte. Doch nicht nur für mich, sondern auch für viele der anderen Läufer und Zuschauer schien die Vier-Stunden-Grenze noch etwas Besonderes zu sein.
Es war unglaublich. Der Central Park war überfüllt mit Zuschauern, und sie sahen, daß unsere Gruppe wohl eine der letzten war, die es noch schaffen konnte. Sie feuerten uns mit einem ohrenbetäubenden Lärm an. Die Zurufe schienen von überall zu kommen: "Don´t give up", "Go for it", "You can break the four hours".
Es war, als ob ich auf einer Sympathiewelle der Zuschauer die letzten drei Meilen getragen wurde. Es mag abgedroschen klingen, doch ich saugte jeden einzelnen Zuruf, egal ob für mich oder nicht, so sehr in mich auf, so daß ich noch einmal meine letzten Reserven mobilisieren konnte und im Ziel schließlich mit Platz 9422 nach einer Zeit von 3 Stunden, 58 Minuten und 46 Sekunden bei meinem ersten Marathon ankam.
Ich war anschließend zwar körperlich fast tot, aber innerlich wahnsinnig glücklich mein Ziel erreicht zu haben. Leider hatte ich, wie so viele, meine wärmende Kleidung kurz vor dem Start weggeworfen und nicht abgegeben, weil keine Zeit mehr war.
Dies bereute ich jetzt zwar kurz, jedoch bekam ich von einem Helfer sofort eine wärmende Decke und war nach einer Weile auch an der nächstgelegenen Subwaystation, um zum Hotel zurückzukehren.
Auch der zweiter Celler Teilnehmer, Ulrich Marhenke, war von der Stimmung begeistert. Der erfahrene Marathonläufer verpaßte zwar mit 3:49:05 Stunden (Platz 6900) seine persönliche Bestzeit, sprach aber trotzdem von einem optimalen Lauf, da er noch niemals einen solch schweren Marathon gelaufen war.
Besonders gefreut hat er sich über ein T-Shirt, welches er während des Rennens trug. Er bekam es von seiner Freundin geschenkt. Es zeigte auf der Rückseite ein Bild von ihr und ihrer Tochter sowie einen Anfeuerungsspruch. Hierauf wurde er von vielen Teilnehmern angesprochen. Die Möglichkeit mit einem witzigen T-Shirt auf sich aufmerksam zu machen, nutzten viele Läufer. Sie ernteten dafür auch oftmals persönliche Anfeuerungsrufe der Zuschauer. Letztlich erreichten 28 080 Läufer innerhalb der gemessenen 10 Stunden das Ziel.
Den Abend ließ ich anschließend mit meinem Zimmergenossen Martin (Platz 17 432, 4:32:23 Stunden) und seiner Freundin Petra in einem italienischen Restaurant mit singenden Kellnern "ausklingen". Es war sehr lustig, da die Sänger talentierte Nachwuchstalente der Broadwayshows sind und sie sich auf diese Weise zunächst ihren Lebensunterhalt verdienen.

Jörg Grünhagen
09. November 1996, Cellesche Zeitung