Von Jürgen Poestges
New York - Um kurz nach acht Uhr am Samstag morgen ging es los. Einmal mit dem großen Regen, aber auch mit meinem großen Lauferlebnis. Stolz prangte die rote Startnummer 1331 am Sweatshirt der Celler "Fun Runners". Allerdings war es auf den ersten paar hundert Metern nicht viel mit Laufen, weil das Gedränge vor der Startlinie doch sehr groß war.
Doch dann ging es endlich richtig
los. Es war beeindrucken: Ein riesige Menschenmenge, immerhin waren 15000 Läufer
dabei, schob sich durch die Straßen von New York, flaniert von den beeindruckend
hohen Häusern.
Und es ging mir gut. Es war ein schwer
zu beschreibendes Hochgefühl, was mich befallen hatte. Ein munteres Tempo
legte ich vor, überholte so manchen anderen Läufer, schimpfte sogar
über die Langsameren, die mich in meinem Sturm und Drang behinderten. Die
übrigen Celler blieben milde lächelnd in meinem Windschatten: "Das
klappt doch prima, kein Problem, sieben Kilometer schaffst Du spielend", dachte
ich so für mich, beim Laufen immer die beeindruckende Kulisse im Auge.
Der Regen störte mich da noch gar nicht.
So ging es durch die Straßen
und Avenuen von "Big Apple". Von der First Avenue auf die 42. Straße,
dann der Rechts-Turn auf die Avenue of the Americans, Central Park South. Zuschauer
waren noch nicht so viele da, nur schimpfende Autofahrer, die an den Kreuzungen
- und davon gibt es in New York viele - immer wieder warten mußten, bis
der letzte Läufer sie passiert hatte. Muntere Sprüche wurden ausgetauscht.
Nur: Das Ziel wollte und wollte einfach nicht auftauchen.
Und
am Central Park West, etwa bei Kilometer vier von sieben, meldete sich dann
mein "Innerer Schweinehund" zum ersten Mal. "Hör doch auf zu laufen", flüsterte
er mir zu. "Bei diesem Mistwetter gehörst Du ins Hotel." Die Beine wurden
schwer, die Sprüche weniger.
Aber wozu hat man denn die Lauf-Kumpels?
Wir sind ja ein Team. Also war Aufmunterung angesagt, von allen Seiten. Das
hilft, aber nicht sehr lange. Auf der ersten Kehre im Central Park brauchte
ich eine Pause. Allerdings, stehen bleiben wollte ich auch nicht. Also ein wenig
gehen, die "Fun Runners" gingen mit. Das baut auf.
Also wieder in leichten Trab fallen,
versuchen, nicht an das Ziel zu denken und alle die zu ignorieren, die an und
vorbeiziehen. Das klappte aber auch nicht so sehr lange. Die letzte Kurve verfielen
wir also alle wieder in langsamen Schritt. Dann aber das Zielband vor Augen,
packte mich noch einmal der Ehrgeiz. Bei meinem ersten Lauf wollte ich nicht
gehend die Ziellinie überschreiten. Alles geben, Endspurt, jubeln im Ziel.
Sieben Kilometer geschafft, vom Laufen erst einmal geheilt. Aber nun habe ich
noch mehr Respekt vor jedem, der den Marathon angeht. Meine Welt wird das aber
nie werden. Was ich aber jetzt weiß: Es ist schön, wenn der Schmerz
in den Beinen nachläßt. Und ich weiß auch, warum meine Celler
Mitläufer milde lächelten. Aber es tut gut, zu hören, daß
das für das erste Mal gar nicht so schlecht war.
03. November 1997, Cellesche Zeitung